Osnabrück
Boxen-Stopp in Osnabrück - Studenten auf den Spuren von Vettel & Co.
(07.11.11, 10:43 Uhr) Röhrende Motoren, schnelle Autos, die Luft brennt buchstäblich: Motorsport sorgt für Adrenalin bei Fahrern und Fans. Dass auch in Osnabrück der Rennsport großgeschrieben wird, dafür sorgen unter anderem das Ignition Racing Team (IRT) der Hochschule und der Motorsportclub (MSC). Wir haben Teammitglieder getroffen und über die berühmte Rennstrecke in Hockenheim gesprochen.
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Der Begriff „Hockenheim-Ring“ ist dank der Formel 1 und Rennfahrern wie Michael Schumacher und Sebastian Vettel auch Motorsport-Laien bekannt. Um die Formel 1 geht es zwar nicht, sondern um die Formula Student, einen Konstruktionswettbewerb, an dem das Ignition Racing Team (IRT) der Hochschule Osnabrück regelmäßig teilnimmt. Bei diesem internationalen Wettbewerb trifft sich aber das Who’s Who der Konstrukteursszene in Hockenheim, daher ist die Anspannung der Studenten im Vorfeld entsprechend groß. In diesem Jahr sollte das Rennen etwas Besonderes werden, denn zum ersten Mal gingen sie mit Elektroantrieb an den Start. Die Erwartungen wurden enttäuscht, denn aufgrund eines technischen Fehlers war eine Teilnahme letztlich nicht möglich. Doch anstatt sich über die Niederlage zu grämen, schauen die Jungs vom IRT schon wieder nach vorne und fiebern auf den nächsten Wettbewerb 2012 hin. „Wir haben nichts verloren, sondern Unmengen an Erfahrungen dazu gewonnen, die wir sonst in der Art nirgendwo anders hätten bekommen können“, lautet das positive Fazit von Andre Duwendag, Mitglied des IRT. Um die Anstrengungen von Sponsoren, Unterstützern und Teammitgliedern angemessen zu entlohnen, bringen sie Ende des Jahres als Dankeschön einen Kalender heraus, den exklusiv das Calendargirl 2012 ziert. Als Hingucker verschönert Nadine Kindsvater alias BuNny92 das Kalendertitelbild, sie wurde von der OScommunity zum IRT Calendargirl gekürt. Sie ziert aber nicht nur den Kalender, sondern auch das Titelbild dieser Ausgabe. Wie die weiteren Kalenderblätter gestaltet werden, bleibt aber noch ein kleines Geheimnis.
Und wer verbirgt sich nun genau hinter dem IRT? In das Ignition Racing Team kann laut Andre Duwendag im Grunde jeder eintreten, der in Osnabrück als Student eingeschrieben ist: „Wir sind ein bunt gemischtes Team. Bei uns sind alle Studiengänge quer Beet vertreten.“ Da das Team in unterschiedliche Ressorts aufgeteilt ist, ist es möglich, verschiedene Studiengänge unterzubringen. So arbeitet zum Beispiel ein Betriebswirtschaftler in dem Ressort Sponsoring oder Management. Mittlerweile ist das Team auf 50 Mitglieder angewachsen. Als sich im Mai 2006 sieben Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen des Maschinenbaus trafen, um zu beraten, wie sie ihre Leidenschaft für den Motorsport mit ihrem Studium vereinbaren könnten, war das erste Ziel die Formula Student. „Die Grundidee, die hinter den Formula Student steht, ist die, dass das Studententeam auftreten soll wie ein Unternehmen. Wir stellen also wie ein Unternehmen einen Rennwagen her“, erklärt Andre.
Für so ein Projekt sei eine Menge Unterstützung nötig gewesen, erklärt Duwendag. Er ist im IRT für das Sponsoring verantwortlich. „Am Anfang war da nur die Idee vom Rennwagen. Erst wird geguckt: Okay, was wollen wir machen, um ein möglichst gutes Fahrzeug zu konstruieren?“, so der Motorsportbegeisterte. Neben den Finanzmitteln, die für sie bereit gestellt sind, kann das Team auch die Motorprüfstände und die Rechner der Hochschule benutzen. Von den Sponsoren bekommen sie zusätzlich noch Dienstleistungen, wie das Fräsen bestimmter Autoteile oder auch alles das, was sie in Eigenleistung nicht bewältigen können.
Wer glaubt, bei diesem Konstruktionswettbewerb geht es nur darum, wer am schnellsten durch die Kurven fährt, irrt. Dazu gehören Präsentationen von Plänen, technische Gutachten und fünf verschiedene Rennen. Die Planungsphase für den Wagen sei gut verlaufen, berichtet Andre Duwendag, Mitglied des IRT. Zwar hatte das Team bereits in den Jahren zuvor an dem Wettbewerb teilgenommen, doch dieses Jahr gingen sie zum ersten Mal mit einem Elektroantrieb an den Start und nicht wie sonst mit einem Verbrennungsmotor. Allerdings sollte der Elektroantrieb das Team noch einiges an Nerven kosten. „Kurz vor Schluss sind wir sehr unter Zeitdruck geraten“, erinnert sich der Student der Verfahrenstechnik. „Das lag vor allem am Konzept und daran, dass uns die Erfahrungswerte gefehlt haben.“
Schon die letzten Tage vor ihrer Abreise nach Hockenheim bereitete ihnen die Elektrotechnik Sorgen. Obwohl ihnen klar war, dass der Start mit einem Elektrowagen riskant ist, wollten sie die Herausforderung meistern. „Die Zeiten gehen immer mehr in Richtung Elektrotechnik, und dem wollten wir nicht nachstehen“, erklärt Duwendag. Das IRT musste richtig ranklotzen, um die verlorene Zeit wieder rausholen zu können. Aber der ganze Stress schweißte das Team noch mehr zusammen, denn jeder Einzelne von ihnen wollte es unbedingt bis nach Hockenheim schaffen. „Als die Zeit knapp wurde und es hart auf hart kam, hat keiner von uns den Kopf in den Sand gesteckt. Wir sagten uns immer: Alles egal, Hauptsache das Ding fährt in Hockenheim“, berichtet Andre Duwendag. Als der Tag des großen Wettkampfs kam, machte sich das Ignition Racing Team ziemlich erschöpft und müde auf die Fahrt zum Hockenheim-Ring. Die Stimmung war zuversichtlich, alle glaubten daran, dass der Rennwagen fahren würde. Doch wie genau läuft dieser Wettbewerb ab? In den ersten vier bis fünf Tagen macht sich ein Trupp von Fachleuten über den Wagen her. Verschiedene technische Gutachten muss der Wagen zunächst über sich ergehen lassen. Zum Beispiel wird er um 45 Grad auf die Seite geneigt, und es dürfen keine Flüssigkeiten auslaufen. Der Elektrowagen hingegen wird 20 Minuten Nieselregen ausgesetzt, ohne dass es einen Kurzschluss geben darf.
Danach kommt der Sicherheitscheck. Dabei wird beispielsweise getestet, wie lange der schwerste Fahrer, oder wie Andre Duwendag sagt, der „fetteste Kerl“ des Teams braucht, um im angeschnallten Zustand aus dem Rennwagen zu gelangen. Nach dem Regelwerk darf er nicht länger als fünf Sekunden dafür brauchen, ansonsten gibt es Strafpunkte. Falls er allzu lange braucht, kann es auch sein, dass der Wagen ganz für das Rennen gesperrt wird. Das Risiko wäre einfach zu hoch, da es relativ häufig vorkommt, dass die Wagen der Formula Student beim Rennen abbrennen. Ist das geschafft, geht es weiter mit den statischen Disziplinen. Diese haben jedoch immer noch nichts mit der Rennbahn zu tun, sondern mit dem theoretischen Teil der Konstruktion. Sie werden in drei Kategorien unterschieden:
Engineering Design: Das ist ein sogenannter „Design Report“, in dem die Konstrukteure ihre konstruktiven Lösungen schriftlich darlegen müssen, mit der Begründung, welche Vorteile sie darin sehen. Bei dem Wettbewerb werden die Konstruktionen von einer Fachjury anhand dieses Reports am Fahrzeug begutachtet und mit den Konstrukteuren diskutiert.
Cost Analysis: Bei dieser Disziplin wird geschaut, wie günstig der Wagen gebaut wurde. In einem schriftlichen Kosten-Report müssen alle Kosten, die getätigt wurden, aufgelistet werden, und das fängt schon bei der einzelnen Schraube an. Wieder vor einer Fachjury müssen die Teilnehmer ihre Ausgaben rechtfertigen.
Business Plan Präsentation: Nun muss das Team einer ausgedachten Herstellerfirma, die aus den Juroren besteht, ihren Geschäftsplan für den gebauten Prototyp vorstellen. Hierbei soll das Team wie ein Unternehmen auftreten.
Nach den statischen Disziplinen ist es endlich so weit, es darf losgebraust werden. Aber auch da läuft es nicht ab wie bei der Formel 1, denn es geht nicht darum, wer am schnellsten fährt, sondern welcher Wagen sich am dynamischsten fahren lässt. Dafür gibt es fünf verschiedene Rennen:
Acceleration: Das ist ein Beschleunigungsrennen, wo auf einer 75 Meter langen Geraden die Rennwagen zeigen müssen, wie schnell sie aus dem Stand beschleunigen können.
Skid Pad: Der Wagen muss einen Parcours in Form einer Acht durchfahren, dabei wird jeder Kreisring zweimal hintereinander umrundet. Ziel dieses Rennes ist es zu ermitteln, welche Querbeschleunigung der Wagen erreichen kann. Dazu wird immer nur die Zeit der zweiten Runde genommen.
Autocross: Hier wird der Wagen über einen ein Kilometer langen Kurs geschickt, der mit Geraden und Kurven gespickt ist. Entscheidend sind die Zeit, Kurvendynamik und Beschleunigungsfähigkeiten.
Endurance: Der Rennwagen muss eine Distanz von 22 Kilometern bewältigen. Das Fahrzeug muss zeigen, welcher Dauerbelastung es standhalten kann. Endurance ist die Hauptdisziplin, bei der die meisten Punkte vergeben werden.
Fuel Efficiency: Diese ist kein eigenes Rennen, sondern eine Art „Grüne Challenge“. Auf der 22-Kilometer-Distanz werden der Kraftstoffverbrauch bei den Verbrennungsmotoren und der Energieverbrauch bei dem Elektroantrieb gemessen.
Am Tag nach der Ankunft ging es für Andre Duwendag und sein Team mit dem Wagen zur technischen Abnahme der Elektrokomponenten. Bei dieser Abnahme wird geprüft, ob der Wagen richtig verkabelt und somit auch sicher ist. Ist die technische Abnahme in Ordnung, geht es weiter mit der mechanischen Abnahme. Doch kaum bei der technischen Abnahme angekommen, wollte auch schon das Hochvoltsystem nicht mehr mitspielen. Das Hochvoltsystem konnte nicht wie bestimmt bis auf 550 Volt hochgefahren werden. „Das ist zwar weniger gefährlich“, erklärt der Verfahrenstechniker, „jedoch wird der Wagen nur abgenommen, wenn er ganz hoch- und wieder heruntergefahren werden kann.“ Noch war aber nichts verloren für die Studenten, sie mussten den Fehler nur finden, bevor der Startschuss für die Rennen gegeben wurde.
Allerdings entwickelte sich die Fehlersuche zu einem Mysterium. Die Verantwortlichen des Teams konnten nicht auf einen Blick sehen, wo das Problem lag. Nachdem die Elektriker ohne Unterbrechung an der Technik gewerkelt hatten, war die Frist schon fast verronnen. Es gab kaum Hoffnung, dass der Wagen noch an dem Rennen teilnehmen würde. Eine geringe Chance hätten sie gehabt, wenn sie sich in den letzten Stunden noch Ersatzteile aus Frankfurt besorgt hätten. Gemeinsam entschieden sie jedoch, diese Hürde nicht mehr auf sich zu nehmen. „Alles war nachher viel zu knapp, abgesehen davon, dass unsere Elektriker schon aus dem letzten Loch pfiffen. Nach 50 Stunden Nonstop-Arbeit waren sie einfach fertig mit der Welt, und es wäre zu riskant gewesen, sie weiter an einer 550-Volt-Anlage basteln zu lassen“, erklärt Andre Duwendag.
Als die endgültige Nachricht kam, dass der Rennwagen dieses Jahr nicht in Hockenheim fahren wird, waren natürlich alle im Team sehr niedergeschlagen und enttäuscht. Doch entmutigen ließen sie sich davon nicht. „Obwohl wir nicht gefahren sind, konnten wir den Wagen sehr gut präsentieren, von außen sah er ja tiptop aus.“ Zwar war Hockenheim 2011 für sie gelaufen, aber die Motivation für nächstes Jahr bleibt.
Den zweiten Teil der Titelstory lest Ihr im aktuellen Heft des OScommunity.de Magazins.



